Wer als kleines oder mittleres Unternehmen (KMU) schon einmal versucht hat, kurzfristig frisches Kapital zu beschaffen, kennt das Gefühl: Formulare, Wartezeiten, viele Rückfragen – und am Ende manchmal eine Absage. Eine aktuelle Studie der Hochschule Luzern zum Schweizer KMU-Finanzierungsökosystem zeigt, dass dieses Gefühl kein Einzelfall ist, sondern ein strukturelles Thema. Gleichzeitig ist gerade jetzt viel Bewegung im Markt – mit spannenden Chancen für Unternehmen, die genauer hinschauen.
Ein Markt im Umbruch
Die Studie macht deutlich: Das Finanzierungsökosystem rund um KMU befindet sich im Wandel. Auf der einen Seite gibt es Anzeichen für Konsolidierung und Stabilisierung – der Markt reift, einige Anbieter verschwinden oder schliessen sich zusammen. Auf der anderen Seite entsteht durch Spezialisierung und digitale Transformation neues Wachstum. Es ist also keine Phase des Stillstands, sondern eine Phase der Neuordnung.
Zwei Beobachtungen liegen diesem Wandel zugrunde. Erstens gibt es einen echten Finanzierungsbedarf bei KMU, der über das klassische Bankangebot hinausgeht. Viele Unternehmen finanzieren sich heute aus einer Mischung aus Eigenmitteln, Bankkrediten und alternativen Quellen, da das klassische Kreditangebot der Banken die Bedürfnisse nach schnellen, unkomplizierten und kostengünstigen Lösungen oft nur teilweise abdeckt. Nicht wenige Unternehmen verzichten deshalb sogar ganz auf eine Kreditanfrage, weil ihnen der Prozess zu aufwendig erscheint.
Zweitens treiben technologische Entwicklungen den Wandel voran. Künstliche Intelligenz, Cloud-Lösungen und standardisierte Schnittstellen (APIs) verändern, wie Finanzierungsprozesse ablaufen. Was früher viel manuelle Arbeit bedeutete, lässt sich zunehmend automatisieren – das spart Zeit, senkt Kosten und macht Finanzierungslösungen für mehr Unternehmen zugänglich.
Liquiditätsmanagement und Kreditvergabe wachsen zusammen
Ein zentraler Gedanke der Studie: Liquiditätsmanagement und Kreditbeantragung waren lange zwei getrennte Welten. Auf der einen Seite kümmern sich KMU im Alltag darum, ihre Liquidität sicherzustellen, Engpässe zu vermeiden und den Cashflow im Blick zu behalten. Auf der anderen Seite steht – meist erst, wenn ein Engpass droht – die mühsame Suche nach einem passenden Kredit.
Genau diese Trennung beginnt sich aufzulösen. Der Fachbegriff dafür lautet «Embedded Finance» beziehungsweise «Embedded Lending»: Finanzierungsmöglichkeiten werden direkt dort eingebunden, wo Unternehmen ohnehin ihre Geschäftsprozesse steuern – zum Beispiel in der Buchhaltungssoftware oder im ERP-System. Wird ein möglicher Liquiditätsengpass erkannt, kann eine passende Finanzierungslösung künftig direkt angezeigt und bei Bedarf unkompliziert bezogen werden, ohne dass ein separater, aufwendiger Antragsprozess nötig ist. Das ist ein spürbarer Fortschritt gegenüber dem heutigen Ablauf, der für viele KMU noch mit Formularen, Dokumenten-Uploads und langem Warten verbunden ist.
Ein vielfältiges Ökosystem an Akteuren
Rund um die klassischen Banken hat sich in den letzten Jahren ein ganzes Ökosystem an neuen Akteuren gebildet: Plattformen für Crowdlending und Peer-to-Peer-Kredite, Vergleichsportale sowie Anbieter, die Kreditprozesse, Daten und Kapitalzugang miteinander verbinden. Diese Akteure ergänzen das klassische Bankangebot und erschliessen KMU zusätzliche, oft schnellere und einfachere Wege zu Kapital. Dabei geht es nicht darum, Banken zu ersetzen: Vielmehr entstehen neue Kooperationsformen, bei denen Banken teilweise im Hintergrund als Kapitalgeber agieren, während spezialisierte Plattformen die Nähe zum Kunden und den digitalen Prozess übernehmen. Für Unternehmen lohnt es sich deshalb, den Blick über die eigene Hausbank hinaus zu weiten.
Regulatorische Entwicklungen im Blick behalten
Auch auf regulatorischer Ebene tut sich einiges, was für KMU mittelfristig relevant werden kann. Themen wie Open Finance, bei dem Finanzdaten standardisiert und sicher zwischen Anbietern ausgetauscht werden können, oder Instant Payments, also Zahlungen in Echtzeit rund um die Uhr, stehen im Fokus der Behörden. Gleichzeitig steigen mit der Digitalisierung auch die Anforderungen an Datenschutz sowie an die Bekämpfung von Geldwäscherei und Betrug. Auch wenn diese Entwicklungen zunächst abstrakt klingen, lohnt es sich, sie in der eigenen strategischen Planung im Auge zu behalten.
Was bedeutet das konkret für Ihr Unternehmen?
Auch wenn sich vieles im Hintergrund abspielt, lassen sich aus der Studie einige praktische Denkanstösse für KMU ableiten:
- Horizont erweitern: Alternative Finanzierungswege neben der klassischen Bank kennen und bei Bedarf in Betracht ziehen.
- Digitalisierung als Chance sehen: Wer die eigenen Finanzprozesse – etwa Buchhaltung und Liquiditätsplanung – frühzeitig digitalisiert, profitiert am ehesten von neuen, integrierten Finanzierungslösungen.
- Am Ball bleiben: Neue Anbieter, Kooperationen und regulatorische Rahmenbedingungen schaffen in absehbarer Zeit weitere, einfachere Möglichkeiten.
Das Schweizer KMU-Finanzierungsökosystem befindet sich in einem spannenden Umbruch. Technologische Innovationen, neue Marktakteure und regulatorische Weichenstellungen sorgen gemeinsam dafür, dass Finanzierung für Unternehmen künftig schneller, einfacher und stärker in den Geschäftsalltag integriert werden könnte, als das heute noch der Fall ist. Für KMU lohnt es sich, diese Entwicklung aktiv zu verfolgen – denn wer die neuen Möglichkeiten frühzeitig kennt, kann sie auch als Erster nutzen.
